
"Dieser Film ist schon so oft in den Cahiers du Cinéma gepriesen
worden, daß zukünftige Filmhistoriker hoffentlich anerkennen
werden, welchen Anteil unsere Zeitschrift daran hatte,
das vorschnelle Urteil der Zeitgenossen über den größten
aller Filmemacher zu revidieren. Wenn es auch eigentlich
nicht mehr nötig ist, so will ich doch noch einmal darauf hinweisen,
daß es sich bei TABU eindeutig um das Meisterwerk
seines Regisseurs handelt, um den größten Film des größten
aller Filmemacher.
Es ist ein beliebtes und unverbindliches Gesellschaftsspiel,
persönliche Hitlisten aufzustellen. Ich möchte in mein
Urteil jedoch meine Persönlichkeit eines Filmkritikers einbringen,
der das Kino nicht nur liebt, sondern auch beweisen
will, daß es sich dabei um eine Kunst, um die Kunst unserer
Zeit handelt. Ich möchte beweisen, daß TABU einer der Höhepunkte
der Kunst an sich ist. Wenn ich nur einfach belegen
wollte, daß es sich bei Murnaus letztem Film um den
besten Dokumentarfilm, um die schönste Liebesgeschichte
oder um das eigenwilligste Filmwerk handelt, müßte ich vielleicht
fürchten, daß mir die Argumente ausgehen. Wenn ich
den deutschen Regisseur also mit Sophokles und Praxiteles
vergleiche, anstatt mit Eisenstein, Griffith oder Renoir, so ist
dies nicht Zeichen meiner Verwegenheit, sondern es geschieht
aus Vorsicht.
Das tahitische Paradies des Films hatte vierzig Jahre zuvor
Paul Gauguin, dem Meister der modernen Malerei, als Refugium
gedient. Anders als dieser freiwillige Exilant, der die
abendländische Kunst und ihr arisches Schönheitsideal in
Grund und Boden verdammte, baute der deutsche Filmemacher seine Kamera dort als Botschafter unserer Kultur auf. Ich kenne kein anderes Kunstwerk des 20. Jahrhunderts, das
deutlicher den Stempel des abendländischen Geistes trägt,
kein Werk, in dem die Gesten und die Blicke der Menschen
von jener Größe sind, die die Halbgötter der Ilias oder die
Helden des Nibelungenliedes auszeichnet.
Niemand bestreitet, daß TABU in seinem Bild von Tahiti
verfälschend ist. Aber welche Rolle spielt das, angesichts einer
Exotik, die mein europäisches Wesen stärker als jedes andere
Werk unserer Zeit zum Vibrieren bringt und mein Herz
da erobert, wo Gauguin nur dem Intellekt schmeichelt? »Von
der Natur sollten wir nichts kennen, als was uns unmittelbar
lebendig umgibt«, sagt Goethe in den Wahlverwandtschaften.
Unsere heutige Malerei, Literatur und Musik versuchen
aufs Kräftigste diese bewundernswerte, vor Beliebigkeit warnende
Formel zu widerlegen. Einzig die Kunst, deren Lob ich
hier singe, vermag es dank ihrer strotzenden Gesundheit
noch, uns glauben zu machen, daß die Zeiten, in denen sich
die zivilisiertesten Völker ihre Götter nach ihrem eigenen
Ebenbild schufen, noch nicht vorbei sind. Ich würde mich ja
nicht darüber empören, daß RASHOMON heute TABU vorgezogen
wird, wenn ich darin nicht gerade ein Zeichen des
Selbsthasses unserer Zivilisation sehen würde, den Gauguin
als einer der ersten in uns angelegt hat.
Man möge mir verzeihen, daß ich im Zusammenhang mit
TABU Kriterien anlegen mußte, die einem Filmkritiker normalerweise
als Hochmut angerechnet werden würden."
(Maurice Schérer [= Pseudonym von Eric Rohmer], in: Cahiers
du Cinéma nº21, März 1953)
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